September 2006 – Annette Roeckl steht seit drei Jahren als alleinige Geschäftsführerin an der Spitze der Firma Roeckl Handschuhe und Accessoires. Sie führt das Unternehmen in der sechsten Generation in einem hart umkämpften Markt. Billigprodukte vom Discounter wärmen kalte Hände auch. Dennoch gelingt es ihr, dem Käufer das Besondere ihres Produkts nahe zu bringen – und den Umsatz kontinuierlich zu steigern.
:unternehmen! Gifthandschuh, Fehdehandschuh, Dufthandschuh – Ihr Produkt hat eine bewegte Vergangenheit. Welche davon haben Sie denn noch im Angebot?
Annette Roeckl: Um eines klarzustellen: Wir haben keine Gifthandschuhe und wir wollen auch keine Fehden vom Zaun brechen (lacht). Trotzdem schwingt auch heute noch im Produkt Handschuh der ganze Bedeutungsgehalt mit, den der Handschuh über die verschiedenen Jahrhunderte hatte. Es gab ja nicht nur den Fehdehandschuh, der Handschuh war als Minnehandschuh auch Ausdruck der Liebe, es gab den Handschuh der Ständerecht verleihen konnte, es gab die parfümierten Handschuhe, die den Kavalier beim Handkuss betörten. Es gab die vielfältigsten Weisen, einen Handschuh aufzuladen, mit Fakten oder mit Emotionen.
Produkt / Firma:
:u! Heute ist das Tragen von Handschuhen mit deutlich weniger Emotionen verbunden. Für die meisten ist ein Handschuh ein Gebrauchsgegenstand, der verhindert, dass die Finger im Winter kalt werden. Wie stellen Sie sich und Ihre Firma in diesem Umfeld auf? Was sind Ihre Ziele?
AR: Ich will die Marke Roeckl in ihrer Strahlkraft wieder wahrnehmbarer machen und in ihrem ganzen Potenzial entfalten. Wir hatten Anfang 1900 bereits ein Netz an Filialen, unter anderem in New York; wir hatten einen extrem hohen Export nach Amerika, das Unternehmen wurde in großer Dimension entwickelt und aufgebaut. Dann kamen schwierigste Jahrzehnte mit den Weltkriegen, der Wirtschaftskrise, dem Wiederaufbau. Mein Anliegen heute ist es, die Schönheit und die Besonderheit, die in dem Produkt steckt, wieder wahrnehmbar werden zu lassen.
:u! Wie wollen Sie den Handschuhen von Roeckl wieder mehr Strahlkraft verleihen?
AR: Durch die Dynamisierung der Marke. Das Unternehmen und die Marke sind 167 Jahre alt. Da ist Kraft drin. Andererseits ist der Handschuh kein Produkt, das jeder sofort mit Mode verbindet. Um zu zeigen, was ein Handschuh alles in sich birgt, welches unmittelbare Upgrade er jedem Träger verleihen kann, müssen wir das Bestehende dynamisieren, auf den Punkt bringen und dann mit Schlagkraft und Dynamik weiter entwickeln. Und zwar auf allen Ebenen: am Markt, in der Kollektionsentwicklung, in der Kollektion selbst, in der Presse, in der Werbung, im eigenen Retail, in der Präsentation unserer Waren, in der Deko unserer Geschäfte. Wir können als mittelständisches Unternehmen zwar nicht „the fashion-of-the-world“ beeinflussen. Aber wir können auf das Besondere aufmerksam machen, das ein Handschuh einem Outfit und damit dem Träger und der Trägerin verleiht. Ob man sich ein Abendkleid anzieht oder ein Abendkleid mit langen Handschuhen – man fühlt sich anders. Und man wirkt anders. Ich denke, eine Emotionalisierung von Handschuhen und der Marke Roeckl ist zeitgemäß.
Tradition
:u! Sie führen das Unternehmen Roeckl nun in der sechsten Generation. Wie wichtig ist Ihnen die Tradition?
AR: Ich hab mal einen Satz gelesen, der für mich das Wesen von Tradition ausdrückt: ‚Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern das Weitertragen der Glut‘. Ich habe ein Erbe angetreten von fünf Generationen, die ihre Lebenszeit, ihre Lebensenergie und ihr Geld in dieses Unternehmen gesteckt haben. Das ist eine enorme immaterielle Verantwortung und ein enormes Erbe – in seinem ganzen Potenzial, aber auch in seinem Anspruch, es entsprechend weiterzuführen. Früher war ich eine echte Traditionsverweigerin. Heute sehe ich, dass Tradition nur entstehen kann, wenn die Wandlungsfähigkeit zur richtigen Zeit gegeben ist. Tradition ist also eigentlich etwas höchst Lebendiges und extrem Dynamisches.
:u! Welche Glut gilt es weiterzutragen?
AR: Das ist genau das, was ich auf den Kern bringen möchte. Die Hinwendung zum vollendeten Produkt. Wir machen nicht irgendein Produkt, wir haben den Anspruch, den schönsten Handschuh zu machen! Wir wollen, dass unser Handschuh dem Träger Freude macht, etwas Besonderes ist, ein werthaltiges Produkt. Unsere Philosophie in dieser schnellen Zeit ist werthaltig. Da steckt Zeit drin. Diese ganzen Produkte kann man nur machen durch echte Hinwendung an das Handwerk und an das Material.
Berater
:u! Sie lassen sich von einer Marketing-Agentur beraten. Von wem noch? Viele Mitarbeiter trauen sich ja oft nicht dem Chef zu sagen, was sie wirklich denken?
AR: Es ist eine große Herausforderung, die richtige Beratung zu finden, intern wie extern. Mir ist ein Klima von Respekt und Offenheit in meiner Firma sehr wichtig. Jeder, egal ob in der Buchhaltung, im Lager, im Vertrieb oder in den Filialen, jeder ist Fachmann/ -frau an seinem Platz und sieht Dinge dort klarer als die anderen. Jeder soll die Verantwortung spüren, Wichtiges auch mitzuteilen, im Positiven wie im Negativen. Ich versuche Begegnungsräume zu schaffen, damit dieser Austausch möglich ist. Meine Aufgabe ist es dann, die verschiedenen Informationen zu selektieren, zu priorisieren und die Teile zu einem Ganzen zusammenzufügen.
:u! Wie halten Sie es mit den externen Beratern?
AR: Da bin ich eher zurückhaltend. Man braucht aber bei bestimmten Themen Fachberater, die Erfahrung und Kompetenz in ihrem Sektor haben und ein Projekt nicht nur einmalig machen. Ich denke da zum Beispiel an Steuer- und Rechtsberater. Während der Unternehmensübergabe hatten wir viel mit Consultants zu tun. In solchen Momenten halte ich es wirklich für Unternehmerpflicht, sich kompetente Beratung ins Haus zu holen. Dabei ist die Auswahl von Partnern enorm wichtig. Ich kann nur jedem raten, sich dafür Zeit zu nehmen und gut auf sich und die Belange des Unternehmens zu schauen. Und auch, das Angebot des Beraters dem Bedarf, den das Unternehmen hat, gegenüberzustellen.
:u! Das heißt, Sie wollen kein Komplettpaket?
AR: Nein, man hat so viel eigenes Know-how im Unternehmen, das oft nur richtig eingeordnet und kanalisiert werden muss. Ich halte es nicht für gesund, wenn jemand von außen kommt und uns erzählt, wohin die Reise gehen soll. Es muss sich schon aus dem Inneren entwickeln. Gute Beratung ist Entwicklungshilfe. Aber kein Fremdthemenaufsatz.
Prioritäten
:u! Sie haben Großes vor: Haben Sie sich Zeitlimits gesetzt oder Milestones, die Sie erreichen wollen?
AR: Das werde ich tun. Es ist wichtig, das zu definieren, um auch zu fokussieren: Was steht jetzt prioritär an? Denn sonst kann man sich verlieren in all dem, was alles getan werden kann und muss. Um eine gemeinsame Priorität zu setzen, ist die Definition von Zeit und inhaltlichen Zielen wichtig.
:u! Wie schafft man es, sich die richtigen Prioritäten zu setzen?
AR: Ich glaube, das kann jeder nur für sich selber rausfinden. Es ist jeden Tag wieder eine Herausforderung, sich genug Freiraum zu schaffen, selbstbestimmt mit seinen Arbeitsinhalten und seiner Zeit umzugehen. Dabei hilft es, herauszutreten aus dem Alltag, und sich zu überlegen, was einem wichtig ist und wie man arbeiten muss, damit man die wichtigen Dinge auch entwickeln kann.
:u! Und – machen Sie das?
AR: Ich habe angefangen damit. Ich habe gemerkt, dass man sich nur dann besinnen kann, wenn man sich immer wieder mal vom Tagesgeschäft distanziert.
:u! Wie oft gelingt ihnen das?
AR: Ich habe da bisher keinen festen Rhythmus. Aber danach sollte man suchen. Ich habe mir vorgenommen, mir morgens eine dreiviertel Stunde Zeit zu nehmen – und zwar zuhause – und darüber nachzudenken, was heute wichtig ist, was die Woche wichtig ist, was ich brauche, um weiterzukommen, um auch die mittelfristigen und langfristigen Ziele zu erreichen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass man sich einmal im Monat einen Tag, einmal in der Woche einen halben Tag, einmal am Tag eine Stunde dafür nehmen sollte – aber ganz ehrlich, das finde ich (sie zögert ein wenig) richtig luxuriös (lacht).
Deutscher Gründerpreis
:u! Sie haben eigentlich so wenig Zeit – warum nehmen Sie sich die Zeit für Ihre Mitarbeit im Kuratorium?
AR: Ich halte es für förderungswürdig, das Gründungsklima in Deutschland zu verbessern und auch Gründer zu unterstützen, die den Mut und die Tatkraft haben, ein Unternehmen zu gründen. Was ich – im überschaubaren Maße – dazu beitragen kann, das tue ich gerne. Ich begrüße diese Initiative, weil sie von Eigenaktivität zeugt.
:u! Wie können Sie Ihrem Paten-Unternehmen Geohumus zur Seite stehen?
AR: Das werde ich mit Dr. Bentlage gemeinsam entwickeln. Grundsätzlich kann ein etablierter Unternehmer einem Gründer über Dialog und Austausch zur Seite stehen. Denn bei einem Gründer laufen unendlich viele Themen auf: Produkt, Vermarktung, Marketing, Markt, Organisation... Es ist die ganze Palette und es ist alles neu und alles auf einmal gleich wichtig. Hier kann ich im Gespräch mit dem Gründer klären, wo im Moment Bedarf besteht, hier kann ich aus eigener Erfahrung berichten sowie beim Priorisieren und Sortieren helfen. Ob ich auch fachbezogen oder mit einer Netzwerkvermittlung zur Seite stehen kann, das weiß ich noch nicht.
:u! Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Möglichkeit, Gründer davor zu bewahren, einen entscheidenden Fehler zu machen. Welcher wäre das?
AR: Etwas zu machen, hinter dem er nicht steht und von dem er nicht überzeugt ist.
