Oktober 2007 – Professor Dr. Claus Hipp, geboren 1938 in München, ist einer der bekanntesten Unternehmer Deutschlands. Seit 1968 leitet er das gleichnamige Unternehmen, das für die Herstellung seiner Babynahrung ausschließlich Produkte aus biologischem Anbau verwendet.
2006 machte die Hipp Gruppe 400 Millionen Euro Umsatz. 6.000 Biobauern bauen auf rund 15.000 Hektar die Rohstoffe für Baby- und Kindernahrung an. Außer in Deutschland produziert Hipp auch noch in Österreich, Ungarn, Kroatien und der Ukraine. Hipp ist verheiratet und hat fünf Kinder.
:unternehmen!: Beginnt Ihr Tag immer noch mit dem Aufschließen der Wallfahrtskirche Herrenrast?
Professor Dr. Claus Hipp: Ja. Diese Kirche habe ich vor Jahren mit freiwilligen Helfern renoviert. Der jetzige Papst, Benedikt der XVI., war damals Kardinal in München und hat mich gebeten, mich weiter um diese Kirche zu kümmern. Und dann mach ich das auch.
:u!: Sie sind Chef der Hipp-Unternehmensgruppe, Sie haben einen Bauernhof und reiten gerne, Sie sind Verbandsfunktionär, Künstler, Professor in Tiflis und spielen Oboe im Münchner Behördenorchester. Wie schaffen Sie das alles?
H: Ich vertue bei den einzelnen Dingen nicht soviel Zeit, fälle schnell Entscheidungen und bin da nicht so umständlich. Zeit ist etwas Gerechtes, jeder hat gleich viel davon. Eine Mutter, die ein Kind großzieht und nebenher einen Beruf ausübt, hat ebenso viele Belastungen. Und die kann nie ‚Nein‘ sagen. Ich könnte ja sagen: ‚Heut mag ich nicht‘.
:u!: Haben Sie das schon mal gesagt?
H: Nein, eigentlich nicht.
Nachhaltigkeit, Prinzipien und Ethik
:u!: Schon Ihr Vater nutzte für die Babynahrung nur Rohstoffe aus biologischem Anbau – ohne Verwendung chemischer Dünge- und Pflanzenschutzmittel. Zu der damaligen Zeit eine Revolution. Wie kam es dazu?
H: Wir haben vor 50 Jahren mit biologischem Landbau angefangen und zunächst die eigene Landwirtschaft umgestellt. Dann haben wir die Bauern, die uns beliefern, in kleinen Schritten davon überzeugen können, diesen Weg mit uns zu gehen. Das war am Anfang nicht sehr leicht: Wir hatten die Landwirtschaft gegen uns, die Politik, die Wissenschaft, die Großindustrie – aber es hat sich erwiesen, dass das der richtige Weg ist.
:u!: „Dafür stehe ich mit meinem Namen“ ist der Satz, den viele mit Ihnen verbinden. Zu Ihren Prinzipien gehört aber nicht nur die konsequente Herstellung von Produkten im Einklang mit der Natur, sondern auch ein menschenwürdiges Miteinander. Was heißt das im Alltag?
H: Prinzipien sind gut zu haben, aber man wird sie nicht immer ganz erreichen. Für mich gibt es ein Wertegerüst, das einzuhalten ist. Das wissen auch meine Mitarbeiter. Wir haben uns vor etlichen Jahren eine Ethik-Charta gegeben, an der wir unsere Entscheidungen orientieren können.
:u!: Diese Ethik-Charta umfasst 30 Seiten, sie stellt klare Regeln für den Geschäftsalltag auf: Wie verhalte ich mich gegenüber Kunden, Lieferanten und Konkurrenten, wie ist die Gesprächskultur im Unternehmen gestaltet oder auch der Umgang der Mitarbeiter untereinander. Halten sich Ihre Mitarbeiter daran?
H: Im Großen und Ganzen schon. Ich denke, dadurch dass wir uns überhaupt Gedanken zu diesen Themen gemacht haben, können wir besser damit umgehen, als wenn wir uns damit nie beschäftigt hätten. Es gibt natürlich auch bei uns Fälle, in denen es zum Beispiel zum Mobbing kommt. Dann wird das Problem besprochen, dem Arbeitnehmer erklärt, dass wir das so nicht akzeptieren und im schlimmsten Fall auch abgemahnt. Jeder der zu uns kommt, weiß im Vorfeld, worauf er sich einlässt. Je mehr wir über uns vorher erzählen können, umso weniger ist jemand getäuscht und dann gibt es auch keine Enttäuschung.
:u!: Hat sich seit Einführung der Charta etwas geändert?
H: Das ist nur schwer messbar. Wir sind erfolgreich am Markt, es geht uns gut, sicher könnte manches besser gehen, aber wir sind froh, dass wir die Ethik-Charta haben.
:u!: Was könnte denn besser gehen?
H: Alles kann besser gehen: Man kann mehr Gewinn machen, mehr Umsatz, man kann harmonischer miteinander umgehen... Es ist nie der Punkt erreicht, an dem man die Hände in den Schoß legen und nur noch zuschauen kann.
:u!: Geht das denn überhaupt zusammen? Mehr Gewinn und mehr Harmonie?
H: Ja natürlich. Wir können sparsamer umgehen mit den uns anvertrauten Gütern und trotzdem nett zueinander sein.
:u!: Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Mitarbeiter aus?
H: Sie müssen tüchtig sein und die Fachkenntnisse haben. Aber mir ist die menschliche Verträglichkeit auch wichtig. Wenn wir hier nur lauter Spezialisten haben, die sich gegenseitig bekriegen, dann kann man keine guten Leistungen erzielen.
:u!: Welche menschlichen Kriterien sind Ihnen da besonders wichtig?
H: Friedfertigkeit, Fleiß, Ehrlichkeit, Sparsamkeit und ein menschlicher Umgang miteinander.
:u!: Wie gehen Sie um mit Ehrlichkeit Ihnen gegenüber?
H: Dann überlege ich mir das noch mal und bin entweder davon überzeugt, dass es richtig ist, oder ich ändere meine Meinung. Aber es hat schon Situationen gegeben, wo ich überzeugt war und es dann gegen alle gemacht habe. Wie zum Beispiel bei unserem Schriftzug mit den bunten Buchstaben und den Herzen. Ich hatte den ersten Entwurf gesehen und war überzeugt, das ist gut! Es waren alle dagegen: die Werbeagentur, unsere Marketingleute, die Familie, einfach alle. Ich dachte aber, das ist es – und wir machen‘s trotzdem. Und seit 40 Jahren ist das nun unser Logo.
Entwicklung des Unternehmens
:u!: Sie sind seit 40 Jahren im Unternehmen tätig. Was war ihr größter Erfolg? Worauf sind Sie stolz?
H: Stolz ist ein hohes Wort. Stolz bin ich auf meine Mannschaft und die Motivation, die sie hat. Richtig war es, dass wir sehr früh biologischen Landbau gemacht haben und uns nicht davon haben abbringen lassen. Richtig ist auch immer die freie Meinung zu äußern und sich nicht irgendeiner Meinung unterzuordnen.
:u!: Das haben Sie auch Ihr Leben lang durchgehalten?
H: Das hab ich immer versucht und angestrebt.
:u!: In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung haben Sie verraten, dass sie als Präsident der Industrie- und Handelskammer München/Oberbayern immer mit Fahrrad zu den Sitzungen gefahren sind.
H: Bei den allgemeinen Sitzungen war das nicht so wichtig, aber bei Staatsempfängen und offiziellen Treffen, wo alle mit großen Autos gekommen sind, da bin ich gerne mit dem Fahrrad gekommen. Ich fahr auch jetzt noch in der Stadt mit dem Fahrrad, weil‘s einfach schneller ist.
:u!: Worüber haben Sie sich in Ihrer beruflichen Laufbahn am meisten geärgert?
H: Ich ärgere mich über das Unverständnis von Menschen, die sich nicht die Zeit nehmen, nachzudenken, welche Problematik hinter einem Betrieb wie dem unsrigen steht, und die einem dann unterstellen, dass man unkorrekt handelt. Oder wenn andere einem durch umständliches Reden Zeit stehlen, dass macht mich unruhig. Ärgern kann mich die Selbstdarstellung von Menschen, die nicht vom Ergebnis erzählen, sondern davon, wie gut sie im Finden des Ergebnisses waren.
:u!: Ärgern Sie sich über bestimmte Entscheidungen, die Sie getroffen und die sich im Nachhinein als Fehler herausgestellt haben?
H: Ich hab viele Entscheidungen getroffen, die falsch waren, aber ich hab sie dann auch immer schnell wieder geändert. Das unterscheidet einen Unternehmer von einem Politiker. Der Politiker, der eine Entscheidung ändert, der steht am nächsten Tag in der Zeitung als ein Politiker ohne Linie.
:u!: Wie messen Sie, ob Ihre Entscheidungen richtig oder falsch waren?
H: Das sicherste Werkzeug ist der Erfolg des Unternehmens – wenn man allerdings so lange wartet, dann ist es meist zu spät. Entscheidungen werden korrigiert durch Mitarbeiter, die einem sagen, das ist nicht richtig. Und die deutlichsten und mutigsten Kritiker habe ich natürlich in meinen Kindern.
Grüne Gentechnik
:u!: Sie kaufen viele Rohstoffe in Österreich ein, unter anderem auch deshalb, weil dort deutlich restriktiver mit Gentechnik in der Landwirtschaft umgegangen wird. Was macht Sie zu einem Gegner der Gentechnik?
H: Die grüne Gentechnik halte ich für ein großes Risiko. Wir haben – wissenschaftlich erwiesen – viele Nachteile dadurch, die nicht durch Vorteile aufgewogen werden. Nicht einmal die Preise werden dadurch sinken. Die Bauern sind inzwischen dagegen, die Verbraucher auch. Und die Verbraucher sind meine Kunden, für die muss ich mich engagieren.
:u!: Warum wird in Deutschland stärker auf grüne Gentechnologie gesetzt als in anderen Ländern?
H. Das liegt sicher an den Firmen, die großes Interesse daran haben, dass grüne Gentechnik verstärkt eingesetzt wird und die entsprechende Lobbyarbeit betreiben.
:u!: Wie stellen Sie sicher, dass in Ihren Produkten keine gentechnisch veränderten Inhaltsstoffe sind?
H: Wir untersuchen jeden Rohstoff, den wir bekommen nicht nur stichprobenartig, sondern sehr umfassend. Im ökologischen Landbau ist die grüne Gentechnik ohnehin nicht erlaubt. Außerdem verpflichten wir unsere Lieferanten darauf, insofern sind da schon etliche Riegel vorgeschoben.
Bedeutung der Kunst
:u!: Sie sind neben Ihrem Unternehmertum auch Künstler. Wie wichtig ist Ihnen die Kunst – und wann finden Sie dafür Zeit?
H: Das hab ich immer nebenher gemacht. Seit einiger Zeit unterrichte ich zudem an der Kunstakademie in Tiflis in Georgien. Für mich ist die Malerei mein Zweitberuf. Allerdings habe ich das Handicap, dass man bei mir als Unternehmer die Malerei gerne als nettes, kleines Hobby abtut. Ich möchte aber ernst genommen werden, deshalb bringe ich die gleiche Qualifikation mit wie andere Künstler auch.
:u!: Wie kam es zu der Kunstprofessur in Tiflis?
H: Das ist über die Musik entstanden. Der erste Oboist im Orchester war ein Georgier und wir kamen ins Reden. Ich konnte ihn zunächst bei einem Kinderheim in Georgien etwas unterstützen. Dann fragte er mich, ob ich dort nicht eine Ausstellung machen wolle – aus dieser sind dann zwei geworden. Und dann ist die staatliche Kunstakademie gekommen und hat gefragt, ob ich nicht bei ihnen unterrichten will.
:u!: Wie oft sind Sie vor Ort?
H: Ich bin im Frühjahr und im Herbst immer zwei Wochen in Tiflis und mache Blockunterricht. Ich nehme dann vier Studenten für einen Monat mit nach Deutschland, die in verschiedensten Disziplinen unterrichtet werden. Ich unterrichte Lithografie und Malerei, eine Kollegin von mir macht Bildhauerei. Das große Problem bleibt aber: Die vielen von der Akademie ausgebildete Künstler können von der Kunst nicht leben, sie müssen unter Umständen später andere Berufe ausüben. Aber die Ausbildung in Kreativität bringt sie in eine gute Position, dann auch etwas anderes machen zu können. Die können sich etwas einfallen lassen. Und darauf kommt es an!
