Januar 2008 – Rosely Schweizer ist Vorsitzende des Beirates der Oetker-Gruppe. Sie ist die älteste Tochter des im vergangenen Jahr verstorbenen Rudolf August Oetker. Außerdem ist sie Vorsitzende des Beirates der Henkell & Söhnlein Sektkellereien, einem Tochterunternehmen der Oetker-Gruppe.
Dazu kommen eine Vielzahl weiterer Aufgaben: Die studierte Volkswirtin ist im Beirat der Schweizer Group tätig, dem Maschinenbauunternehmen ihres Mannes, sie ist Vorsitzende des Kuratoriums der Käte-Ahlmann-Stiftung, Mitglied im Kuratorium des Deutschen Gründerpreises, Vize-Präsidentin im Verband deutscher Unternehmerinnen – und war bis vor kurzem auch noch Landtagsabgeordnete.
:unternehmen!: Seit dem vergangenen März sind Sie als Nachfolgerin Ihres Vaters Vorsitzende des Beirats der Oetker-Gruppe – platzt Ihr Terminkalender jetzt aus allen Nähten?
Rosely Schweizer: Nein, für diesen Beiratsvorsitz habe ich alle politischen Ämter abgegeben. Ich war 22 Jahre im Gemeinderat, das mach ich nicht mehr, ich war neun Jahre im Landtag von Baden-Württemberg, das mach ich auch nicht mehr, und jetzt habe ich sogar noch den Landesvorstand der CDU abgegeben. Der Landesparteitag, auf dem neu gewählt wurde, fiel genau auf einen Termin, an dem ich in Hamburg auf einer Sitzung sein musste.
:unternehmen!: Kam der Vorsitz des Beirats für Sie eigentlich überraschend?
Schweizer: Ja. Ich bin zwar schon seit Jahren Mitglied im Beirat, aber den Vorsitz zu übernehmen, das kam schon überraschend. Aber letztlich war das keine schlechte Idee. Denn dadurch gibt es nun so eine Art Generationenübergang. Ich bin die Älteste, und diese Aufgabe können wir nur machen, bis wir 70 sind. Das heißt, nach dem Tode meines Vaters gibt uns das jetzt ein paar Jahre Luft, um weiter nachzudenken.
:unternehmen!: Ihr Bruder August Oetker, der derzeitige Chef der Oetker-Gruppe, wird in knapp zwei Jahren 65 und erreicht damit die firmeninterne Altersgrenze für diese Position. Sie sind beauftragt, einen Nachfolger für ihn zu suchen. Hat es Sie eigentlich geärgert, dass nicht Sie als älteste Tochter das Unternehmen leiten durften?
Schweizer: Nein, ich hab mir mit der Politik mein eigenes Arbeitsfeld eröffnet. Und damit war mein Vater auch sehr einverstanden, er war sehr froh, dass ich in die Politik ging. Ich musste ihm immer alles ganz genau erzählen, er hat sich dann immer furchtbar aufgeregt.
„Es ist eine Katastrophe, dass so wenige Unternehmer in der Politik sind!“
:unternehmen!: Wieso sind Sie trotz all der Dinge, über die Sie sich selber auch aufgeregt haben, in der Politik geblieben?
Schweizer: Es ist eine Katastrophe, dass so wenige Unternehmer in der Politik sind! Ich habe acht Jahre lang den Wirtschaftsrat der CDU in Baden-Württemberg geleitet. Da hat man mit vielen Mittelständlern zu tun. Und die habe ich immer wieder aufgefordert: Sprecht Eure Abgeordneten an, wenn Ihr ein Problem habt. Schreibt denen! Jeder schimpft mir hier was vor und sagt, die Parlamente seien falsch besetzt. Ja, das sind sie auch! Aber wenn Ihr schon wisst, dass die Parlamente falsch besetzt sind, dann tut mir einen Gefallen und informiert Eure Abgeordneten von Eurem Problem. Schreibt das so auf, dass er es verstehen kann, auf zwei Seiten und nicht auf dreißig. Aber manche Unternehmer wissen noch nicht einmal, wer ihr Abgeordneter ist.
:unternehmen!: Unternehmer haben natürlich auch andere Dinge zu tun, als sich um die tagesaktuelle Politik zu kümmern.
Schweizer: Lassen Sie mich dazu ein Beispiel aus der Praxis erzählen: Der Bundestagsabgeordnete aus meinem Wahlkreis musste neu gewählt werden. Drei Kandidaten kamen aus dem Wirtschaftsbereich, zwei waren Lehrer. Wer ist es geworden? Der Lehrer. Und warum? Weil die Wirtschaft bei der Nominierungsversammlung nicht da war. Ich bekomme dann von meinen Unternehmern zu hören, dass sie keine Zeit haben. Keine Zeit? Einmal alle vier, fünf Jahre? Da kann man manchmal schon die Wut kriegen. Aber es ist leichter, zu meckern, als es selber zu machen. Viel leichter.
:unternehmen!: Was raten Sie also Ihren Unternehmern?
Schweizer: Ich sage ihnen immer: Ihr habt doch mehrere Kinder, schickt eines wenigstens eine Weile in die Politik. Erstens bringt er ein gutes Netzwerk mit, wenn er aufhört und zweitens bekommt Ihr Eure Ideen über diesen Weg in die Politik.
„Wir machen Backpulver und kein Waschpulver!“
:unternehmen!: Sie haben selber drei Kinder…
Schweizer: Ja, zwei Söhne und eine Tochter – und fünf Enkeltöchter. Women Power is coming!
:unternehmen!: … und haben sich zunächst ganz der Erziehung der Kinder gewidmet.
Schweizer: Ich war mit Begeisterung Mutter. Ich habe studiert, dann habe ich geheiratet und dann wollte ich eigentlich vorerst mal nur Hausfrau und Mutter sein. Und fand es herrlich! Noch heute sage ich, das Beste was man für die Gesellschaft tun kann, sind fröhliche, glückliche, harmonische Kinder aufzuziehen.
:unternehmen!: Das entspricht nicht ganz dem Bild, das gut ausgebildete, junge Frauen heute von ihrem Leben haben, oder?
Schweizer: Seitdem ich eine Tochter habe, habe ich mich sehr viel mit diesem Thema beschäftigt: Welches Lebensbild kann man einer jungen Frau heute anbieten? Denn dieses Lebensbild von früher – gute Ausbildung, Heirat, Kinder, Pflege der Eltern/Schwiegereltern – mit diesem Lebensbild können Sie heutzutage keine Frau mehr hinter dem Ofen hervorlocken.
:unternehmen!: Wie sah denn Ihr persönliches Lebensbild aus?
Schweizer: Ich muss gestehen, nach dem zweiten Kind ist mir die Decke auf den Kopf gefallen. Ich habe mich gefragt, warum ich überhaupt studiert habe, wenn ich nun doch den ganzen Tag zu Hause sitze. Ich wollte was machen! Und habe dann eine Expressreinigung aufgemacht, die ich immerhin zehn Jahre lang betrieben habe. Samstags habe ich den Laden alleine gemacht, da stand ich dann in Bergen von dreckiger Wäsche und hab schon manches Mal überlegt: „Was tust Du hier eigentlich“? Meine Ausbildung hat mir in dem Moment auch nicht wirklich genützt. Mein Vater hat damals nur gesagt: „Wir machen Backpulver und kein Waschpulver“.
:unternehmen!: Aber ganz vergebens kann ihre Arbeit ja nicht gewesen sein, sonst hätten Sie das nicht zehn Jahre lang gemacht.
Schweizer: Es hat mein Gehirn trainiert: Lohnabrechnungen, Kulanzfälle, Versicherungssachen… Zuhause waren immer ein paar mehr Nullen dran, aber die Art der Geschäfte war die gleiche.
„Du kannst alles, was Du willst. Du musst nur wollen!“
:unternehmen!: Sie kämpfen seit Jahrzehnten für die Gleichberechtigung der Frau. Wie ist Ihr Resümee?
Schweizer: Ich bin manchmal etwas frustriert, wie sehr sich Frauen selber ein Bein stellen. Selbst wenn sie in den entsprechenden Positionen angekommen sind, helfen sie nicht mit, dass die Basis an Frauen breiter wird. Oder sie sagen sich: „Das kann ich nicht, das schaff ich nicht, das hab ich noch nie gemacht“. Mein Lebensmotto war immer: Wer immer versteht, was er tut, lebt unter seinem Niveau. Man muss manchmal einen Schritt weiter vorgehen, man begreift es dann schon irgendwann. Aber wir müssen selber wollen.
:unternehmen!: Welchen Rat geben Sie den jungen Frauen von heute mit auf den Weg?
Schweizer: Die jungen Frauen müssen sich bewusst sein: Freiwillig geben die Männer keine Macht ab. Würden wir ja auch nicht machen. Ich bin immer ein Verfechter der Quote gewesen. Mir ist egal, auf welchem Wege ich in die Position komme, in der ich etwas bewegen kann. Wenn es nur über die Quote geht – bitte schön. Die Quote ist ein Krückstock. Wenn wir den Krückstock nicht mehr brauchen, werfen wir ihn weg. Aber solange wir ihn brauchen… Aber ich weiß, dass sich im Moment vieles ändert. Wir werden die gut ausgebildeten Frauen dringend brauchen, und dann wird der Wirtschaft auch einfallen, wie sie diese halten und fördern kann.
:unternehmen!: Ihre Großmutter, Käte Ahlmann, war erfolgreiche Unternehmerin. Hat dieses Vorbild Sie geprägt?
Schweizer: Meine Großmutter war eine tolle Frau. Die hat immer gesagt: Du kannst alles, was Du willst. Du musst nur wollen! Und sie war in gewisser Weise Mentorin, weil sie vieles vorgelebt hat. Sie hatte zum Beispiel immer ein furchtbares Lampenfieber, wenn sie Reden halten musste. Aber innerhalb von Minuten hatte sie den Saal gepackt. Wenn man das eine Weile beobachtet, dann weiß man – ich kann das auch.
„Das Denken muss man dem Unternehmer überlassen“
:unternehmen!: 2001 gründeten sie gemeinsam mit 17 weiteren Unternehmerinnen die Käte-Ahlmann-Stiftung, die Unternehmerinnen in der Wachstumsphase mit Mentoring zur Seite steht. Sie bringen für den Deutschen Gründerpreis – und für Ihr Patenunternehmen Transporeon – eine Menge Erfahrung mit. Was ist wichtig, damit so eine Patenschaft auch gut funktioniert?
Schweizer: Mentor und Mentee, also der betreute Unternehmer, müssen sich sympathisch sein. Sonst funktioniert das nicht. Der Mentor sollte nie vorgeben, wie etwas zu machen ist. Das kann richtig sein, aber der Mentee lernt nichts dabei. Der Mentor kann nur sagen, hast Du mal über dieses oder jenes nachgedacht? Und dann muss er das Denken dem Unternehmer überlassen. Nur dann hilft es.
:unternehmen!: Wie ist Ihre Erfahrung mit Ihrem Patenunternehmen beim Deutschen Gründerpreis?
Schweizer: Die Gründer von Transporeon sind so voller Ideen und voller Drive und voller Dynamik, denen muss man gar nichts sagen. Denen muss man nur Türen öffnen.
:unternehmen!: Wie lief denn der Kontakt bisher?
Schweizer: Ich bin nach Ulm gefahren und habe mir die Firma angeguckt. Das ist wichtig, sonst bekommt man kein Gefühl für das Patenunternehmen. Transporeon ist eine IT-Firma, die mithilfe einer Internetplattform die Logistik optimiert. Da wusste ich sofort, dass ich viele Ansprechpartner innerhalb unserer Gruppe habe, mit denen ich sie zusammen bringen kann. Den Rest mussten sie selber machen. Und das hat gut funktioniert.
:unternehmen!: Wie war da Ihr Vorgehen?
Schweizer: Ich bin an die oberste Entscheidungsebene herangetreten, habe ihnen von meinen „Patenkindern“ erzählt und sie gebeten, mir den richtigen Ansprechpartner für dieses Thema im Haus zu nennen. Das ist das Einzige, was ich in diesem Fall tue, aber es scheint ganz hilfreich zu sein.
:unternehmen!: Gibt es weitere Bereiche, in denen Sie Transporeon unterstützen können?
Schweizer: Die Kunden von Transporeon sind natürlich alle im Ausland tätig. Wir sind überall in Europa vertreten und haben schon gute und schlechte Erfahrungen gemacht – die wir weitergeben können. Wie komme ich über die Grenze mit dem Laster, wie geht man mit den Zollschranken um, wo sind die Haken – lauter solche Sachen.
:unternehmen!: Was haben sie eigentlich am liebsten gemacht von der Vielzahl der Aufgaben, die Ihnen das Leben bisher gestellt hat?
Schweizer: Die Kinder! Das war eine tolle Zeit. Wie die so langsam aufwachen und anfangen nachzudenken, und wie sie immer mehr Mensch werden. Diese Jahre fand ich am schönsten. Übrigens: Wenn man die Männer, die so um die 50 sind, fragt, was sie anders machen würden in ihrem Leben, dann kommt immer die Antwort: „Ich würde mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen.“ Immer.
