März 2008 – Toni Meggle, Jahrgang 1931, ist Vorsitzender des Aufsichtsrats und alleiniger Anteilseigener der Meggle AG, die als Dachgesellschaft die Aktivitäten der verschiedenen Gruppen des oberbayrischen Unternehmens aus Wasserburg bündelt. Meggle stellt nicht nur die berühmte Kräuterbutter her, sondern produziert unter anderem auch Milchzucker (Laktose) für die Ernährungs- und Pharmaindustrie. Mit 1.700 Mitarbeitern erwirtschaftete das international tätige, mittelständische Unternehmen im vergangenen Jahr 650 Millionen Euro Umsatz.
:unternehmen!: Kräuterbutter und Kaffeesahne, Milchzucker und Pharmalaktose, Besamungsstation und Forschungszentrum für Arzneimittel – was sind Sie eigentlich?
Toni Meggle: Sie haben unsere gefüllten Baguettes vergessen – wir sind Bäcker… Nein, wir sind ein Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft. Das Wort Industrie bleibt mir immer im Hals stecken, denn Lebensmittel sollen natürlich sein, industrielle Produktion dagegen ist Hightech.
:unternehmen!: Aber wenn man Sie im oberbayrischen Wasserburg besucht, sieht man als erstes einen industriellen Betrieb am Hang stehen – eine Fabrik.
Meggle: Ja, das stimmt. Es stehen sieben Sprühtürme auf diesem Gelände, Trockentürme mit denen wir Milch und Molke trocknen. In zwei Türmen produzieren wir Pharmalaktose, eine Substanz, die bei Tabletten den medizinischen Wirkstoff trägt.
:unternehmen!: Sie sind also keine Molkerei im klassischen Sinne?
Meggle: Die Kuh ist uns heilig, aber wir verarbeiten auch sehr viel Pflanzenfett. Gemessen am Milchfett nutzen wir etwa noch mal die Hälfte zusätzlich an Pflanzenfetten. Diese gehen als Trockenprodukte in Fettkonzentrate, zum Beispiel in Kaffeeweißer. Der Begriff „Molkerei“ trifft es deshalb nicht. Ich bevorzuge den englischen Begriff „dairy“. Der Milchbauer ist ein „dairy-farmer“ und die „dairy-industry“ – das sind die Milchverarbeiter.
Hightech aus Wasserburg
:unternehmen!: Ihr Großvater Josef Anton Meggle gründete 1887 eine Käserei, Ihr Vater, Josef Anton II, begann in den 40er Jahren mit der Verwertung von Molke und baute den ersten Sprühturm. Sie sind seit den 50er Jahren im Unternehmen tätig und haben sowohl die Pharmalaktose als auch die Internationalisierung vorangetrieben. Wie hat sich der Bereich der Pharmalaktose entwickelt?
Meggle: Pharmalaktose ist eines der wichtigsten Segmente, in denen wir tätig sind. In Deutschland haben wir einen Marktanteil von 80 Prozent, in Europa von weit über 60 Prozent. Aber am Weltmarkt liegt unser Marktanteil bislang nur bei 25 Prozent – eine Herausforderung für uns.
:unternehmen!: Haben Sie zu diesem Bereich eine besondere Affinität? Oder gibt es andere Unternehmenssegmente, die Sie besonders spannend finden?
Meggle: Die Milch hat Inhaltsstoffe, die faszinierend sind. Allerdings kommen Sie dann in Gebiete, in denen der Anteil dieser Inhaltsstoffe sehr klein, aber ihre Funktionalität atemberaubend wird.
:unternehmen!: Das klingt ein bisschen nach Nanotechnologie…
Meggle: Mag sein. Da ist viel Technologie drin, aber wissen Sie, ich finde viele Dinge sehr spannend. Wir haben eine Besamungsstation mit über 100 Bullen. Im Bereich der künstlichen Besamungen habe ich ein Projekt am Laufen, das mir ebenfalls sehr am Herzen liegt: Geschlechtsbeeinflussung im Sperma. Für Milchbauern sind Kuhkälber in der Regel wertvoller als Bullenkälber. Wir arbeiten an einer Technologie mit der wir den weiblichen Anteil um 20 Prozent verschieben können. Die Wahrscheinlichkeit dass es ein Kuhkalb wird, ist dann nicht mehr 50:50, sondern 60:40. Eine weitere Lieblingsidee von mir ist die Kräutertube, die wir jetzt auf den Markt gebracht haben. Die Rolle war eigentlich immer unsere dominante Verpackungsform, mit all ihren Nachteilen. Wir haben den Mut gefasst, die Tube zu entwickeln – es war eine gute Entscheidung.
Patenschaft zu Gran Malt
:unternehmen!: Zur Entwicklung neuer Produktideen passt ja auch Ihre Patenschaft zum Gründerpreisunternehmen Gran Malt. Gibt es schon ein gemeinsames Malz-Milch-Produkt?
Meggle: Wir sind jetzt seit einem halben Jahr im Gespräch und haben nach Anwendungsgebieten für das von Gran Malt produzierte Malzgranulat gesucht. Ich hatte gehofft, dass wir ein Produkt entwickeln, mit dem wir in den Markt gehen können. Aber wir sind auf Hürden gestoßen. Malz ist bei uns als Lebensmittel nicht gelernt und bietet ernährungsphysiologisch auch keine Besonderheiten. Sie können mit jedem süßen Kohlehydrat das Gleiche erreichen – was die Entwicklung neuer Produkte schwierig macht. Denn Malz ist teurer als andere Kohlehydrate.
:unternehmen!: Was heißt das für Ihre Patenschaft?
Meggle: Wir sind jetzt in einer Phase, in der wir vor allem Kontakte vermitteln, zum Beispiel in arabische Länder, in denen Malz als Lebensmittel gelernt ist, aber auch zu Südzucker oder zu Oetker. Bei Geschäftsbeziehungen von uns, die für Gran Malt eine Perspektive in der Entwicklung haben könnten, bauen wir gerne die Brücke.
:unternehmen!: Der Markt, von dem Sie Ihre Rohstoffe beziehen, ist kein einfacher. Die Erzeugermilchpreise sind im vergangenen Jahr deutlich angestiegen. Bereitet Ihnen das Probleme?
Meggle: Ich bin sehr froh, dass wir jetzt bei einem Erzeugermilchpreis sind, der für die Milcherzeugung kostendeckend ist. Wer gut ist, soll auch Erfolg haben dürfen.
Erfolgreiche Unternehmensführung
:unternehmen!: Sie haben jetzt fast 50 Jahre Unternehmensführung hinter sich – kann jeder aus seinem väterlichen Betrieb ein großes, namhaftes Unternehmen machen?
Meggle: Sicher nicht jeder. Denn nicht jeder Unternehmensansatz schließt solche Entwicklungschancen ein, wie wir sie hatten. Außerdem braucht es die unternehmerische Initiative der Eigentümer und der Mitarbeiter, die mit ihm das Unternehmen führen. Alle müssen gemeinsam auf dieses Ziel zugehen.
:unternehmen!: Was waren denn bei Ihnen die Gründe für das erfolgreiche Wachstum? Was unterscheidet Sie von vielen anderen, die einen vergleichbaren väterlichen Betrieb übernommen haben?
Meggle: „Der Väter Erbe erwirb es, um es zu besitzen.“ Es ist die Freude daran, etwas zu gestalten. Auch der Ehrgeiz, Entwicklung zu schaffen. Das ist der Antrieb. Viel Mehr fällt mir da nicht.
:unternehmen!: Vielleicht noch eine gewisse Disziplin?
Meggle: Disziplin ist die Prämisse für das Ausschöpfen der Fähigkeiten, die in einer Person sind. Es kann geniale Sondereffekte geben, aber wenn Talente, Anlagen, Möglichkeiten so gut wie möglich genutzt werden sollen, dann ist Disziplin die Voraussetzung.
:unternehmen!: Haben Sie irgendwann den Punkt erreicht wo Sie sagen: Danke, es reicht jetzt, größer wollen wir nicht werden?
Meggle: Nein. Bäume müssen wachsen. Es ist genug – das wäre eine Saturiertheit, die zum Verzehr des Geschaffenen führt. Das Unternehmen könnte sicher noch viele Jahre existieren, aber es würde schwerlich noch mal so viel Schwung bekommen, dass es sich im Wettbewerb messen kann.
Internationale Expansion
:unternehmen!: Ist das auch der Grund für ihre internationale Expansion? Weil Sie dem Baum nach oben genug Licht geben wollten.
Meggle: Ja. Aber die Internationalisierung ist aus den Wurzeln hier entstanden. Meine erste Auslandsgründung war Meggle Japan, Tokio. Das ist 31 Jahre her.
:unternehmen!: Warum sind Sie damals ausgerechnet nach Japan gegangen?
Meggle: Weil die Milchzuckerproduktion in Wasserburg den Bedarf der Bundesrepublik bei weitem überstiegen hat. Ich musste raus und habe nach einem Land gesucht, in das Laktose in nennenswertem Umfang importiert wird. Japan hat zwar genug Milch, aber da dort wenig Käse gegessen wird, gibt es auch keine Molke. Und ohne Molke gibt es keinen Milchzucker. Japan ist der größte Milchzuckerimporteur der Welt.
:unternehmen!: Und was sind heutzutage Ihre Gründe für die internationale Expansion?
Meggle: Wir nehmen Regionen ins Blickfeld, die eine Wachstumschance bieten, wie zum Beispiel einige Staaten Mittel- und Osteuropas. Innerhalb einer Generation wird sich die Kaufkraft dort an unsere annähern, es werden Märkte entstehen. Wenn man da rechtzeitig präsent ist und seine Marke aufbaut, kann man an dieser Entwicklung partizipieren.
:unternehmen!: Wie groß soll Meggle denn noch werden?
Meggle: Wissen Sie, ich bin jemand, der sehr an der Tradition hängt. Ich möchte, dass das Unternehmen aus der eigenen Wurzel in die Zukunft gehen kann, seine Unabhängigkeit behält, selbst um den Preis, daß man das Wachstum nur in kleineren Schritten machen kann. Ein Unternehmen hat ein Recht auf sein eigenes Leben. Und wenn man das Unternehmen als einen Organismus versteht und sich dann einen Baum vorstellt, dann habe ich die Vision, dass dieser Baum, der jetzt über 110 Jahre an diesem Platz gewachsen ist, hier weiter wächst. Natürlich in andere Länder hinein, aber er soll aus seiner Wurzel heraus weiter die Kraft haben, sich in seiner Ausprägung zu entwickeln.
Geregelte Nachfolge
:unternehmen!: Was passiert mit diesem Baum, wenn Sie nicht mehr der erste Gärtner dafür sind?
Meggle: Die Mehrheit der Aktien der Dachgesellschaft wird sich dann in einer gemeinnützigen Stiftung befinden. Die Erben werden sich etwas weniger als die Hälfte teilen. Dazu gibt es eine Menge Detailregelungen: die Satzung der Stiftung, der von mir vorbestimmte erste Vorstand und vieles mehr.
:unternehmen!: Sie haben also dafür gesorgt, dass Ihr Unternehmen nicht einfach verkauft und in seine Bestandteile zerlegt werden kann?
Meggle: Dieses Unternehmen zu verkaufen wäre vor 30, vor 20 vor 10 Jahren leicht gewesen und wäre auch morgen leicht. Nur war es für mich nie eine Versuchung, weil ich beobachtet habe, welches Schicksal Unternehmen erwartet, wenn sie verkauft werden.
:unternehmen!: Und das verhindert Ihre Stiftungsregelung?
Meggle:Wie weit kann man über sein eigenes Leben hinaus Entwicklungen fixieren? Fast gar nicht. Sie können Voraussetzungen schaffen für eine Entwicklung die Sie selbst für die richtige halten. Aber dann müssen wieder Menschen kommen, die diese Zielsetzung bejahen und das Unternehmen weitertragen. Vielleicht mit einem Respekt vor dem, der so verfügt hat, aber hoffentlich aus einem Respekt vor dem, was hier als Unternehmen entstanden ist und was als Unternehmen mit dem Recht auf eigenes Leben weitergehen soll. Das ist meine Philosophie.
