Kuratorium

Wolfgang Grupp im Gespräch Wolfgang Grupp im Gespräch

Juni 2009 – Hintergrundgespräch mit dem Kuratoriumsmitglied des Deutschen Gründerpreises Wolfgang Grupp, Inhaber und Geschäftsführer der Trigema GmbH & Co. KG


In Zeiten wie diesen wünscht man sich Firmenchefs, die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen, die ihre Mitarbeiter nicht nur als Humankapital sehen und für die absolute Gewinnmaximierung nicht das Höchste aller Ziele ist. Wolfgang Grupp ist so einer.

Seitdem er 1969 die Geschäftsführung von seinem Vater übernommen hat, führt er das im schwäbischen Burladingen ansässige Unternehmen nach den Grundsätzen des ehrbaren Kaufmanns. Er baute die Marke Trigema auf und machte aus der großväterlichen Trikotwarenfabrik Gebr. Mayer Deutschlands größten T-Shirt- und Sportbekleidungshersteller. Seine 1.200 Mitarbeiter erwirtschaften über 83 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Das Besondere an Trigema: Vom Baumwollfaden bis zum fertigen Kleidungsstück produziert Grupp alles in Deutschland in eigenen Werken.

:unternehmen!: Wie produziert man heutzutage zu Tariflöhnen und trotzdem profitabel Textilwaren in Deutschland?

Wolfgang Grupp: Man darf keine Massenprodukte, sondern muss innovative Produkte produzieren, für die der Verbraucher bereit ist, mehr zu bezahlen, weil er auch mehr für sein Geld bekommt! In der Globalisierung liegt für Deutschland eine große Chance. Deutschland ist nicht Exportweltmeister, weil man bei den Massenprodukten mit den Billiglohnländern konkurriert, sondern weil man innovative Produkte entwickelt und herstellt.

:u!: Worin besteht Ihre Produktinnovation?

Grupp: Wir haben zum Beispiel das erste kompostierbare T-Shirt hergestellt, dessen neue Fasern vollkommen recyclebar sind und das keinerlei Giftstoffe enthält. Wir haben viele Innovationen im Sportbekleidungsbereich entwickelt, wie zum Beispiel schweißhemmende T-Shirts. Und wir liefern eine so hohe Qualität, dass unsere Kunden auch nach vielen Wäschen immer noch Freude an den Produkten haben.

:u!: Man könnte aber doch den Bereich Forschung und Entwicklung in Deutschland halten und die eigentliche Produktion nach China verlagern.

Grupp: Nennen Sie mir einen Grund, warum ich in China produzieren soll!

:u!: Die Lohnkosten in Deutschland sind im Vergleich zu Ländern wie zum Beispiel China sehr hoch, deshalb ist es günstiger, einfache Arbeiten in Billiglohnländern machen zu lassen.

Grupp: Wenn wir die Produktionen nach China oder in Billiglohnländer verlagern, werden wir in naher Zukunft auch Entwicklung und Forschung verlieren. Entwickelt und geforscht wird nicht am Schreibtisch, sondern am Produktionsarbeitsplatz. Lagern wir diese Arbeitsplätze aus, werden die Billiglohnländer nicht nur die Arbeit verrichten, sondern auch entwickeln und forschen, und dann wird Europa nicht mehr die Stellung einnehmen können, die es heute hat.

:u!: Fast alle Unternehmen im Textilbereich produzieren außerhalb Deutschlands.

Grupp: Ja. Aber ich kannte viele Textilunternehmer, fast alle waren gestandene Millionäre, als Sie ausschließlich in Deutschland produzierten; ich kenne keinen der reicher geworden ist, seit er die angeblich so billigen Arbeitsplätze im Ausland nutzt. Ich kenne aber viele, die ärmer geworden sind, oder von der Bildfläche verschwunden sind!

Trigemas Erfolgsgeheimnis

:u!: Wie kommt es denn, dass Ihre Wettbewerber auf der Strecke bleiben und Sie im vermeintlich viel zu teuren Deutschland erfolgreich produzieren? Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Grupp: Wichtig ist vor allem, dass man einen Vorwärtsdrang hat, diesen aber gleichzeitig unter Kontrolle hält. Man darf sich selbst nicht überschätzen und vor allem muss man täglich seine Aufgabe erfüllen. Dies bedeutet, die kleinen Probleme zu lösen, bevor sie groß werden und vor allem konstant den Wandel der Zeit erkennen!

:u!: Sie sind ein vehementer Verteidiger des deutschen Arbeitsplatzes – verzichten Sie auch in diesen Krisenzeiten auf Kurzarbeit?

Grupp: In den 40 Jahren meiner alleinigen Geschäftsführung habe ich noch nie einen Mitarbeiter aus Arbeitsmangel entlassen, auch nicht eine Stunde Kurzarbeit eingeführt und garantiere auch heute noch den Kindern unserer Mitarbeiter nach deren Schulabgang, wenn sie es wollen, einen Arbeitsplatz bei Trigema. Meine Aufgabe ist es, auch in guten Zeiten nicht dem Größenwahn zu dienen und vor allem die Kapazitäten so groß zu halten, dass sie auch in schwierigen Zeiten preisgerecht am Markt verkauft werden können! Zudem darf es keine Abhängigkeit geben, weder von Kunden noch von Lieferanten und vor allem auch nicht von Banken!

:u!: Warum kämpfen Sie so für die Arbeitsplätze in Deutschland?

Grupp: Ich brauche die Arbeitsplätze, denn von Arbeitslosen kann auch die Firma Trigema nicht leben. Wir brauchen den Konsum. Wer kein Einkommen mehr hat, spart an erster Stelle an seinen Textilien. Deshalb hoffe ich auch, dass viele Unternehmer, vor allem im Mittelstand, zu ihren Mitarbeitern stehen. Nicht nur weil sie diese brauchen, sondern weil diese Mitarbeiter es nicht verdient haben, sofern sie jahrzehntelang ihre Pflicht erfüllt haben, in einer Krise als erste geopfert zu werden.

:u!: Wie schaffen Sie es, dass Ihre Mitarbeiter Freude bei der Arbeit haben? Wie motivieren Sie?

Grupp: Motivieren heißt für mich, meinen Mitarbeitern das Gefühl zu geben, dass sie gebraucht werden. Außerdem arbeite ich konstant mit meinen Mitarbeitern zusammen, eben weil ich sie brauche, um täglich meine Aufgabe beziehungsweise meine Probleme zu lösen. Zudem versuche ich ihnen das Gefühl zu geben, dass sie alle zu unserer großen Trigema-Betriebsfamilie gehören und ich eben auch hinter diesen Arbeitsplätzen stehe!

:u!: Sie sind jemand, der offen seine Meinung sagt…

Grupp: Damit habe ich kein Problem. Ich sage konstant, dass was ich denke und vor allem versuche ich konstant die Wahrheit zu sagen, dann habe ich am wenigsten Probleme und brauche nicht zu überlegen, was ich gestern gesagt habe.

:u!: Dürfen Ihre Mitarbeiter Ihnen auch ehrlich ihre Meinung sagen?

Grupp: Selbstverständlich, dies erwarte ich sogar. Ich brauche die ehrliche Meinung meiner Mitarbeiter, um auch konstant den Wandel der Zeit zu erkennen. Auch ich kann mal etwas übersehen, aber dafür sind meine Mitarbeiter mit mir in einem Team, um dann solches Nichterkennen meinerseits wieder auszugleichen.

:u!: Sie haben eine Eigenkapitalquote von 100 Prozent – wie macht man das?

Grupp: Es ist meine Aufgabe, konstant den Wandel der Zeit zu erkennen, täglich die kleinen Probleme zu lösen und vor allem täglich zu entscheiden. Dann kann man kurzfristig mal einen Verlust machen, aber am nächsten Tag muss dieses Problem gelöst sein. Wenn man zugleich den Größenwahn eindämmt, nur das kauft, was man sich auch leisten kann, sind auch schwierige Zeiten oder Krisen leichter zu überstehen. In meinen 40 Jahren Geschäftsführung – bin ich stolz sagen zu können – habe ich noch kein Jahr mit Verlust abgeschlossen.

:u!: Sie selber brauchen kein eigenes Büro, sondern sitzen zusammen mit Ihren Mitarbeitern in einem Großraumbüro.

Grupp: Ja. Ich habe schon zu Beginn, vor fast 40 Jahren, mein Einzelbüro aufgegeben und alle Wände eingerissen und somit ein Großraumbüro für alle unsere 32 Verwaltungsmitarbeiter geschaffen. Wir haben zudem keinen E-Mail-Verkehr, denn wir reden noch miteinander. Ich brauche konstant meine Mitarbeiter, um die täglichen Fragen und Probleme zu lösen und manchmal brauchen meine Mitarbeiter auch mich und deshalb sitzen wir alle zusammen, um alles möglichst schnell zu realisieren.

Reduziertes Marketing

:u!: Sie verzichten, so konnte man lesen, außerdem auch auf übermäßiges Marketing. Stimmt das?

Grupp: Da ist was Wahres dran. Wenn ich konstant den Kunden belagere, gehe ich ihm auf Dauer auf die Nerven. Solange der Kunde mit seinem Lieferanten zufrieden ist, habe ich keine Chance und auch keinen Grund, ihn abzuwerben. Ich muss warten bis er ein Problem hat und dann müsste er in unserem Bereich wissen, dass Trigema mit seiner Flexibilität, der Lieferant ist, der ihm mit der Lieferbereitschaft, Flexibilität und Qualität am ehesten sein Problem löst.

:u!: Und woher wissen Sie, wann er unzufrieden ist?

Grupp: Weil mich normal die Kunden anrufen, wenn sie ein Problem mit ihrem vorherigen Lieferanten hatten.

:u!: Sie bleiben hart bei Ihren Preisen – und verlieren lieber Kunden?

Grupp: Einer meiner Unternehmensgrundsätze ist es, jedem Kunden gegenüber korrekt zu sein. Ich kann nicht dem einen Kunden, der immer den Preis drückt, einen billigeren Preis geben, als dem anständigen Kunden, der bereit ist, unseren Preis zu bezahlen, deshalb gibt es bei uns keine Preisverhandlungen. Wir haben für alle den gleichen Preis, entscheidend ist nur die Menge, die der Kunde kauft. Auch wir hatten Großkunden und als ein großer Discounter mit mir 25 Millionen D-Mark Umsatz machte und anschließend nicht mehr die Marke Trigema wollte, sondern von mir seine eigene Hausmarke produziert haben wollte, musst ich nein sagen, da ich wusste, dass morgen ein Billiglohnlieferant problemlos diese Aufträge günstiger herstellen kann als ich. Damals habe ich in einer Stunde sozusagen 25 Millionen D-Mark Umsatz verloren, dies war aber mein Problem und nicht das Problem meiner Mitarbeiter.

:u!: Ein mutiger Schritt – der Trigema offenbar nicht das Genick gebrochen hat.

Grupp: Mir war damals klar geworden, dass ich in einer bedarfsgedeckten Wirtschaft, auch einen Teil der Handelsfunktion übernehmen muss, um nicht in totale Abhängigkeit meiner Handelskunden zu kommen und dann habe ich nach dem Verlust dieses 25-Millionen-Auftrages angefangen, unsere Testgeschäfte aufzubauen.

Eigene Geschäfte zum Überleben

:u!: Was sind das für Geschäfte?

Grupp: Wir haben heute 45 sogenannte Trigema-Testgeschäfte, in denen wir zum Original-Fabrikpreis unsere Produkte direkt an den Verbraucher verkaufen. Allerdings sind diese Geschäfte nicht in einer großen Stadt, sondern meistens in Urlaubsgebieten, wo jeder deutsche Bürger irgendwann vielleicht einmal hinkommt. Im Urlaub kann er Trigema zum Fabrikpreis kaufen, geht zurück in seine Heimatstadt und kann dann problemlos im Online-Shop, allerdings nicht zum Fabrikpreis, alle unsere Produkte erwerben.

:u!: Wer sind Ihre Kunden?

Grupp: Im vergangenen Jahr hatten wir 4.500 Kunden aus dem gewerblichen Bereich, also aus der Industrie, aus den Kommunen oder aus dem Handel. Dazu kommen die vielen tausend Endverbraucher, die bei uns in unserem Online-Shop einkaufen.

:u!: Seit einigen Jahren stagnieren die Umsatz- und Mitarbeiterzahlen. Ist das für Sie ein Grund zur Besorgnis?

Grupp: Wachstum heißt für mich nicht, mehr Stückzahlen zu produzieren, sondern Wachstum heißt für mich, dass das Produkt in seiner Innovation wächst. Damit ist der Umsatz nicht konstant steigerungsfähig, sonst müsste ich immer die Kapazitäten erweitern und dies wäre in einer bedarfsgedeckten Wirtschaft sehr gefährlich, vor allem für die Sicherheit der Arbeitsplätze. Meine Aufgabe ist es, immer mehr und neue innovative Produkte zu entwickeln und dafür Produkte die in der Zwischenzeit zu einem Massenprodukt geworden sind, rechtzeitig aufzugeben, denn wir haben schon lange keine Bedarfsdeckung mehr, sondern eine Bedarfsweckung und diesen Bedarf kann ich nur wecken mit neuen innovativen Produkten.

Bedarfweckung statt Bedarfdeckung

:u!: Was heißt das für Ihre Produkte?

Grupp: Mein Produkt muss sich so verändern, dass es immer wieder etwas Neues für den Verbraucher darstellt. Dies kann im Design sein, dass kann aber auch im Gebrauch sein: wärmen, Schweiß absorbieren oder zum Beispiel ein kompostierbares textiles Teil sein. Dafür sind die Verbraucher auch stets bereit mehr auszugeben, als für Massenware. Wenn sich ein Produkt nur noch über den Preis verkauft, kann es nicht ein Produkt für ein Hochlohnland sein, dann muss es in einem Billiglohnland produziert werden.

:u!: Sie haben einen 18jährigen Sohn und eine 19jährige Tochter. Noch ist es sicher zu früh, um zu sagen, ob einer der beiden bei Trigema einsteigt, oder?

Grupp: Es ist sicher nicht zu früh, denn beide sind interessiert. Meine Kinder sind mit dem Betrieb aufgewachsen und für beide ist Trigema ein großes Vorbild. Sie wissen, dass nicht selten der Standort Deutschland schlecht geredet wird, sie sehen aber an Trigema und an meiner Person, dass der Standort Deutschland viele Vorteile hat und es unsere Aufgabe ist, nicht konstant über die Nachteile zu klagen, sondern vor allem die vielen Vorteile zu nutzen. Der Standort Deutschland ist besser als sein Ruf und es ist auch vieles möglich, was im Ausland sicher nicht möglich ist. Dies sehen auch meine Kinder und sie wissen, dass ich immer sage, ich zahle auch gerne Steuern in meinem Heimatland, denn wenn ich Steuern zahlen darf, weiß ich, dass ich auch Gewinne gemacht habe.

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