April 2010 – Operation Notfall: Was tun, wenn der Chef krank ist?
Die richtigen Versicherungen, eine gut durchdachte Vertretungslösung und das Vertrauen in die eigenen Mitarbeiter helfen dabei, Krankheitszeiten zu überstehen.
Schlaganfall, Krebs, Herzinfarkt – Krankheiten klopfen nicht an die Tür und fragen, ob sie eintreten dürfen. Peter Dussmann, Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender des gleichnamigen Unternehmens, war auf einer Reise nach Rom, als die Blutversorgung im Gehirn stockte. Bei Steve Jobs, Herz und Seele des Computerherstellers Apple, wurde 2004 ein Tumor entfernt. Die Gerüchte über seinen Gesundheitszustand verstummten nur selten, 2009 zog er sich für ein halbes Jahr komplett aus der Öffentlichkeit zurück. Selbst Josef Ackermann erwischte es. Der Chef der Deutschen Bank wurde Anfang vergangenen Jahres mit einem Kreislaufkollaps ins Krankenhaus gebracht.
Es kann jeden treffen. Bei börsennotierten Konzernen neigt der Aktienkurs zu erratischen Ausschlägen, wenn der Chef nicht mehr kann. Aber die Nachfolger stehen meist schon in den Startlöchern und warten auf ihre Chance, sich zu beweisen. Die Dickschiffe der Wirtschaft laufen erstmal weiter, egal, wer oben auf der Brücke steht. Bei mittelständischen Unternehmen jedoch kann die Krankheit des Chefs existentielle Ausmaße annehmen. Deshalb muss jeder Unternehmer gedanklich einmal durchspielen, was passiert, wenn er von einem Tag auf den anderen ausfällt. Auch wenn das kein angenehmer Gedanke ist.
„Ab Mitte 40 wird Gesundheit für viele zum ersten Mal ein Thema“, so Stephan Teuber, Geschäftsführer der Loquenz Unternehmensberatung in Leinfelden-Echterdingen und Vizepräsident des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU). „Dann merkt man die ersten Einschränkungen. Aber insgesamt sind Unternehmer oft auch im hohen Alter noch erstaunlich vital“, berichtet er. „Ob nun vor allem die vitalen, kraftstrotzenden Menschen Unternehmer werden oder ob das Unternehmertum ein Jungbrunnen ist – das vermag ich allerdings nicht zu sagen.“
Absichern, was sich absichern lässt
Trotzdem: Eine Garantie für ewige Gesundheit ist das nicht. „Gründer und junge Unternehmer sollten sich so absichern, dass ihre Existenz durch eine Krankheit nicht gefährdet wird“, so Teuber, dessen Unternehmensberatung sich auf Gesundheitsmanagement spezialisiert hat. Jennefer Fricke vom Bund der Versicherten benennt die notwendigen Sicherheitsnetze: „Die Krankenversicherung – ob gesetzlich oder privat – ist Pflicht.“ Denn die Kosten für eine Krebs- oder Herzinfarktbehandlung nehmen schnell fünf- bis sechsstellige Dimensionen an. Das möchte man nicht selber bezahlen müssen.
Etwas differenzierter sieht das Bild bei der Krankentagegeldversicherung aus (nicht zu verwechseln mit der völlig überflüssigen Krankenhaustagegeldversicherung). Wer freiwillig gesetzlich versichert ist, bekommt ab der siebten Woche Krankengeld, gegen Extra-Zahlungen auch schon früher. Einige private Krankenversicherer bieten Krankentagegeld sogar schon ab dem vierten Krankheitstag an. „Empfehlenswert ist das allerdings nicht“, meint Fricke. Denn dieser Schutz sei unverhältnismäßig teuer – und die eigenen finanziellen Reserven sollten in der Regel ausreichen, um für eine bestimmte Dauer den Lebensunterhalt für sich und gegebenenfalls die Familie bestreiten zu können.
Das Krankentagegeld hat aber noch eine andere Tücke. „In der Praxis gibt es immer wieder Streit mit dem privaten Krankenversicherer wegen der Höhe des Tagegeldes“, erklärt Fricke. „Das Tagegeld soll den Verdienstausfall ersetzen. Hat sich der Selbständige aus betrieblichen oder steuerlichen Gründen arm gerechnet, kann das dazu führen, dass der Versicherer weniger zahlt oder sogar komplett abwinkt.“ Problematisch ist es auch, wenn der Selbständige trotz Krankheit im Betrieb vorbeischaut, etwa um die Post zu sichten. Fricke: „Die Krankentagegeldtarife sehen nur bei 100 Prozent Arbeitsunfähigkeit eine Leistung vor. Gelegentlich kontrollieren die Versicherer, ob der Unternehmer im Betrieb anwesend ist – und verweigern in so einem Fall die Leistung.“
Die Tücken der Berufsunfähigkeit
Eine weitere Versicherung, die generell sinnvoll ist, bei der Selbständige aber oft einen Konflikt mit dem Versicherer ausstehen müssen, ist die Berufsunfähigkeitsversicherung. Sie sichert das Risiko ab, wenn man aufgrund eines Unfalls oder einer schweren Erkrankung dauerhaft ausfällt. BDU-Vize Stephan Teuber ist skeptisch und rät dazu, vor Abschluss einer solchen Versicherung das Kleingedruckte zu studieren und unabhängige Finanztests zu Rate zu ziehen. Teuber: „Es ist immer noch unklar, ob bei einer dauerhaften Erkrankung die Unternehmertätigkeit von der Berufsunfähigkeitsversicherung abgedeckt wird. Wenn ich als Seminarleiter eine Rente einfordern würde, dann müsste mein Gesicht schon derart entstellt sein, dass mich niemand mehr angucken mag. Rollstuhlfahren reicht noch nicht als Grund für Berufsunfähigkeit.“
Versicherungsexpertin Fricke weiß, auf welches Prozedere sich Selbständige einlassen müssen: „Bevor Selbständige die Rente bekommen, prüft der Berufsunfähigkeitsversicherer, ob eine Umorganisation des Betriebes zumutbar ist.“ Wenn also ein Maurermeister bislang auf der Baustelle mit angefasst hat, seinen Betrieb aber so umorganisieren kann, dass er künftig die Büroarbeit übernimmt, dann wird er keine Rente bekommen. Der Chef eines IT-Unternehmens, der wegen einer Krebserkrankung in Chemotherapie ist, muss ebenfalls zunächst mit Vertretungs- und Umorganisationslösungen arbeiten. „Erst wenn die Umorganisation betrieblich keinen Sinn macht, er dadurch seine Weisungs- und Direktionsbefugnis verliert oder erhebliche Einkommensbußen erleidet, leistet der Versicherer“, so Fricke.
Ein intensiver Blick ins Kleingedruckte bringt weitere Details ans Licht. So meint zum Beispiel der Begriff „dauerhafte Erkrankung“ nicht bei jeder Versicherung das gleiche. Gerade bei Krebs- oder psychischen Erkrankungen besteht ja die Hoffnung, dass der Betroffene wieder gesund wird. Ab welchem „Prognosezeitraum“, also ab welcher geschätzten Dauer der Krankheit die Versicherung einspringt, variiert von Versicherung zu Versicherung.
Eine überlegenswerte Versicherung auf Unternehmensseite ist die Kreditversicherung für gewerbliche Kredite. In ihrer einfachsten Variante ist sie wie eine Risikolebensversicherung gestrickt, das heißt, kommt der Unternehmer ums Leben, bezahlt sie den Kredit. Dann müssen weder Erben noch Unternehmensnachfolger für eine Investition zahlen, die sie möglicherweise gar nicht unterstützen. In den weiteren Varianten dieser Kreditversicherung springt sie auch bei Unfällen oder dauerhafter Krankheit des Unternehmers ein. Aber auch hier gilt: je höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Versicherungsfall eintritt, umso teurer wird es – und im Zweifel lohnen sich diese Extra-Ausgaben dann nicht.
Vertretung organisieren
Die persönliche Absicherung über Versicherungen ist für den Unternehmer die eine Seite – aber was wird aus der Firma? Oft genug handelt es sich schließlich um sein Lebenswerk, manchmal sogar um das Lebenswerk mehrerer Generationen. Dem dreht man nicht einfach den Rücken zu.
Wolf Kempert, Geschäftsführer der UNU Gesellschaft für Unternehmensnachfolge und Unternehmensführung mbH in Berlin, rät Gründern, sich im Team selbständig zu machen. „Schon das Beschäftigen mit der Gründungsidee fällt leichter, wenn man einen Partner hat, einen Ideengeber, einen Warner“, so Kempert. Im Notfall lasse sich mit einem Partner das Risiko drastisch verringern, dass die eigene Krankheit auf Kosten des Unternehmens geht. Und wenn man als Einzelkämpfer unterwegs ist? „Sobald man eine bestimmte Größenordnung erreicht hat, sollte man ein, zwei Mitarbeiter aufbauen, die man ins Vertrauen ziehen kann“, rät Kempert. „Es muss ja nicht gleich ein Notfall sein – auch ein Urlaub wird viel entspannter, wenn man nicht jeden Tag am Telefon Anweisungen diktieren muss.“
Grundsätzlich gehe es darum, seine Mitarbeiter zur Selbständigkeit zu erziehen. „Sie sollten wissen, welche Entscheidungen sie treffen dürfen und welche nicht. Damit lassen sich auch kürzere Krankheiten überbrücken“, so Kempert. „Es werden ja nicht jede Woche strategische Grundsatzentscheidungen getroffen.“ Für solche Entscheidungen kann ein Beirat hilfreich sein, der aus mehreren Vertrauenspersonen besteht, die von außen das operative Geschäft beobachten und eingreifen, wenn intensiver gesteuert werden muss (siehe auch die Titelgeschichte dieses Newsletter).
Auch Stephan Teuber unterscheidet zwischen dem operativen und dem strategischen Geschäft. „Das Alltagsgeschäft muss ich so geregelt haben, dass es auch mal eine Zeit lang ohne mich läuft“, meint der Berater. Bei der strategischen Weichenstellung sieht er ebenfalls Partner oder Beiräte als potentielle Vertreter. „Klar ist: Ein Unternehmen kann auch ohne den Chef weiterlaufen. Aber natürlich ist der Gründer eine besondere Person, und wenn er nicht da ist, macht sich das bemerkbar.“
Worüber sich jeder Unternehmer im Klaren sein sollte: Eine Vertretung kostet Geld. Ob es nun ein Interimsmanager ist, ein Beirat oder ein enger Berater – niemand macht das ehrenamtlich. Die Kosten für eine solche Vertretung sollten deshalb schon möglichst früh in die Rücklagen mit einfließen. Wenn man sie nicht braucht – umso besser.
Sonstige Organisation
Damit sich ein Vertreter zurecht findet, ist ein Notfallordner hilfreich. „In dem sind alle Informationen, die ein Außenstehender braucht, um sich einen Einblick zu verschaffen“, sagt Berater Kempert. Welche Kredite sind zu bedienen, welche Verträge wurden abgeschlossen, wie sieht die finanzielle Situation aus, mit welchen Passwörtern komme ich an weitere Daten? Gegebenenfalls kann man sich auch mit seinem Steuerberater darüber verständigen, was passiert, wenn man selber nicht entscheiden kann.
Ein weiteres Thema, mit dem sich niemand gerne beschäftigt, ist die Nachlassverwaltung. „Selbst ein 25jähriger, der ein Unternehmen führt, sollte ein Testament haben“, meint Kempert. Und wenn man schon mal dabei ist: eine Patientenverfügung hilft ebenfalls dabei, zumindest in eingeschränkter Weise die Kontrolle über sein Leben zu behalten.
Versicherungen, Vertretungen, Notfallpläne – super, wenn man das alles nur theoretisch ausarbeitet und nie in der Praxis anwenden muss. Die Arbeit ist trotzdem nicht vergebens. Denn spätestens wenn der Chef in Rente geht und einen Nachfolger sucht, kann er diese Überlegungen wieder aus der Schublade herausholen.
Fazit: Was tun bei Krankheit?
1. Wieder gesund werden. Es ist keinem Betrieb geholfen, wenn sich der Chef zu Tode schuftet.
2. Je besser der Betrieb aufgebaut ist, umso länger läuft er ohne ihn.
3. Aktive Kommunikation. Klare Ansagen sorgen für Sicherheit – auch wenn die Ansagen nicht erfreulich sind. Eine Informationspolitik wie bei Apple verunsichert nicht nur die Gesellschafter, sondern vor allem die Mitarbeiter. Und die sind in solch einer Krisensituation das wichtigste Kapital des Unternehmens.
