Insolvenz als Chance Insolvenz als Chance

Insolvent – das ist für viele gleichbedeutend mit aus, Ende, vorbei. Dass es auch anders geht, hat Dr. Gerhard Köhler, Vorstandsvorsitzender der Orwo Net AG und Finalist beim Deutschen Gründerpreis 2011 in der Kategorie Aufsteiger, bewiesen: Er hat aus einem kriselnden Unternehmen in nur sechs Jahren eines der führenden Fotogroßlabore des Landes gemacht. Das Beispiel zeigt: Eine Insolvenz kann auch die Chance für einen Neuanfang sein – wenn man es richtig angeht und rechtzeitig handelt.

In der DDR ist die Filmfabrik Wolfen eine ganz große Nummer. Auf dem drei Quadratkilometer großen Firmengelände bei Bitterfeld arbeiten rund 15.000 Menschen und versorgen die halbe Welt mit Filmen der Marke Orwo, kurz für „Original Wolfen“. Nach der Wende ist es mit der Filmherrlichkeit vorbei. 1990 übernimmt die Treuhand. Im Laufe der folgenden Jahre gibt es zwei Versuche, den einstigen DDR-Vorzeigebetrieb in das kapitalistische System hinüberzuretten, beide scheitern. 2003 ist Orwo zum dritten Mal insolvent. Dann kommt Gerhard Köhler.


130 Sekunden Orwo Net AG

Er will in einen modernen Maschinenpark zur Herstellung von Fotobüchern und Bildern investieren. Dem gelernten Banker kommt seine langjährige Erfahrung in der Finanzbranche zugute. Er weiß, wie Investoren und Banken ticken. Noch vor der Übernahme schafft er es, an Finanzspritzen zu kommen. Als die Geschäfte langsam anlaufen, legt er unaufgefordert detaillierte Zukunftsszenarien und Quartalsberichte vor und holt so weitere Kreditgeber ins Boot. Er weiß: Wer Geld gibt, will Chancen sehen und Sicherheit. Schon mit den ersten Kreditzusagen geht er auf Kundenfang, führt potenzielle Geschäftspartner durch seine Hallen. Köhler verweist auf die hohe Qualität seiner Produkte und die niedrigen Kosten. Mit Erfolg: Die Umsätze steigen, der Neuanfang ist geschafft.

Sanierung als Ziel

Das Beispiel von Orwo Net beweist: Eine Insolvenz muss nicht das Aus bedeuten. Im Gegenteil: Den Schuldner zu sanieren und das Unternehmen zu erhalten, sind wichtige Ziele der Insolvenzverordnung. Möglich ist das im Rahmen eines Insolvenzplanverfahrens. Doch das wird bislang nur selten genutzt. Das soll sich ändern: Seit dem 1. März 2012 gibt es das Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG), das die Überlebenschancen eines angeschlagenen Betriebs verbessert.

Eine wichtige Neuerung: Künftig kann das Unternehmen Einfluss auf die Wahl des Insolvenzverwalters nehmen. Von dessen persönlicher und fachlicher Qualifikation hängt es ab, ob eine Sanierung gelingt. Er ist die Schlüsselfigur in dem Verfahren. Bislang wurde der Verwalter durch das Gericht bestimmt. Jetzt darf der Gläubigerausschuss, der den Insolvenzverwalter überwacht und unterstützt, eine bestimmte Person vorschlagen. Ist diese nicht offensichtlich ungeeignet, muss das Gericht den Vorschlag akzeptieren. Das heißt: Der Schuldner kann sich in Absprache mit den Gläubigern einen Wunschkandidaten aussuchen und muss nicht mehr befürchten, dass er durch den Insolvenzantrag die Kontrolle über sein Unternehmen verliert.

Die Chancen richtig nutzen

Trotz verbesserter Rahmenbedingen: Eine Garantie, dass die Sanierung gelingt, gibt es nicht. Doch das Unternehmen kann viel tun, um seine Chance auf Rettung zu nutzen. Tipps von Klaus Siemon, Fachanwalt für Insolvenzrecht und Insolvenzverwalter in Düsseldorf:

  • Rechtzeitig handeln. Für viele Unternehmer ist die Insolvenz ein Schreckgespenst und sie warten mit dem Antrag so lange, bis es zu spät ist und nichts mehr geht.
  • Frühzeitig Unterstützung suchen und sich fachkundig beraten lassen, zum Beispiel bei den Industrie- und Handwerkskammern, einem Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder Rechtsanwalt.
  • Ein tragfähiges Konzept entwickeln. Dazu gehören eine Gewinn- und Verlustrechnung und ein Liquiditätsplan, besser noch ein detaillierter Businessplan. Die Gläubiger werden dem Insolvenzplan nur dann zustimmen, wenn erkennbar ist, dass für sie bei einer Fortführung des Unternehmens mehr rausspringt als bei einer Liquidation.
  • Einen erfahrenen Insolvenzverwalter auswählen, der bereit ist, den Betrieb fortzuführen, einen Plan erstellen kann und den Prozess positiv begleitet.

Unternehmerisches Geschick, der richtige Zeitpunkt und eine langfristige Perspektive: Damit hat es auch Orwo Net geschafft. Seit 2004 sind die Umsätze des ehemaligen Pleite-Unternehmens um durchschnittlich 40 Prozent im Jahr gestiegen, der Marktanteil hat sich von 0,5 auf mehr als zwölf Prozent erhöht. Wenn es nach Gerhard Köhler geht, kann das so weitergehen.

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