Finalist Kategorie StartUp Proxima Fusion | Fotografin: Julia Zimmermann

Proxima Fusion

Die Energie der Sterne auf die Erde holen – kaum ein Ziel klingt ambitionierter. Das Münchner Start-up Proxima Fusion will genau das schaffen und entwickelt Fusionskraftwerke auf Basis einer Technologie, die viele Experten für den vielversprechendsten Weg zur kommerziellen Fusion halten. Entstanden aus jahrzehntelanger Spitzenforschung am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, arbeitet heute ein internationales Team daran, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen eine neue Industrie zu formen.

Noch vor wenigen Jahren war Proxima Fusion kaum mehr als eine Idee in den Köpfen einiger Physiker am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching. Heute zählt das Münchner Unternehmen zu den ambitioniertesten europäischen Deeptech-Start-ups überhaupt: Das Team arbeitet daran, Fusionskraftwerke zu entwickeln – also Anlagen, die eines Tages Energie wie die innerhalb der Sonne auf der Erde nutzbar machen.

Gegründet wurde Proxima Fusion Anfang 2023 als erstes Spin-off des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik. Hinter dem Unternehmen steht ein Gründerteam, das wissenschaftliche Exzellenz mit Industrie- und Unternehmererfahrung verbindet: CEO Dr. Francesco Sciortino, der am Imperial College London, an der EPFL und am MIT studierte, COO Dr. Lucio Milanese mit Forschungs- und Beratungserfahrung am MIT und bei McKinsey, Chief Scientist Dr. Jorrit Lion, Chief Engineer Martin Kubie sowie Jonathan Schilling als Head of Labs. Gemeinsam vereinen sie Expertise aus Fusionsforschung, Hochleistungs-Engineering und Technologieentwicklung.

Bemerkenswert: Die Gründer verstehen ihre Geschichte selbst nicht als klassische Start-up-Erzählung. „Unser Ziel war nicht, eine Firma zu gründen“, erzählt Dr. Francesco Sciortino (32). „Die Mission war und ist die Fusion!“ Tatsächlich sei die Unternehmensgründung eher das Ergebnis einer wissenschaftlichen Erkenntnis gewesen. Gemeinsam habe das Team festgestellt, „dass es eine Möglichkeit gab, mit der wir deutlich schneller vorankommen konnten“. Venture Capital erschien den Forschern dabei als der geeignetste Weg, die Entwicklung der Technologie zu beschleunigen.

Proxima Fusion entwickelt kein neues Kraftwerk im klassischen Sinn, sondern eine Technologie, die als Wendepunkt für die globale Energieversorgung gilt: kontrollierte Kernfusion. Dieser Prozess versorgt beispielsweise auch die Sonne mit Energie. Gelingt es, ihn dauerhaft und wirtschaftlich auf der Erde zu beherrschen, könnte daraus eine nahezu CO₂-freie, grundlastfähige Energiequelle entstehen.

Der entscheidende Unterschied von Proxima zu vielen anderen Fusionsunternehmen ist der gewählte technologische Ansatz. Während weltweit die meisten Projekte auf sogenannte Tokamaks setzen, konzentriert sich das Münchner Unternehmen auf Stellaratoren. Beide Reaktortypen nutzen starke Magnetfelder, um extrem heißes Plasma einzuschließen. Doch der Stellarator besticht langfristig durch entscheidende Vorteile für den Kraftwerksbetrieb: Während Tokamaks aktiv stabilisiert werden müssen und typischerweise in Pulsen arbeiten, sind Stellaratoren hingegen so konstruiert, dass ihre Stabilität bereits in der komplexen Geometrie der Magnetfelder angelegt ist. Dadurch können sie theoretisch kontinuierlich laufen und eignen sich besser für einen dauerhaften Kraftwerksbetrieb.

Proxima Fusion ist die konsequente Übersetzung von 30 Jahren Grundlagenforschung in ein industrielles Vorhaben. Der ungewöhnliche Ansatz: Proxima setzt auf simulationsgetriebenes Engineering, digitale Zwillinge und Hochleistungsrechner. Bevor physische Komponenten gebaut werden, entstehen große Teile des Kraftwerks zunächst digital. Die Konstruktion wird virtuell optimiert, bevor reale Bauteile gefertigt werden.

Für potenzielle Kunden – Energieversorger, Industrieunternehmen oder Betreiber großer Rechenzentren – liegt der Nutzen auf der Hand: Ein erfolgreiches Fusionskraftwerk könnte rund um die Uhr große Mengen Strom liefern, unabhängig von Wetterbedingungen und ohne direkte CO₂-Emissionen. Anders als Wind- oder Solaranlagen müsste die Energie nicht erst gespeichert werden, um jederzeit verfügbar zu sein. Gerade für energieintensive Industrien und die stark wachsenden KI- und Rechenzentrumsmärkte wäre eine solche Energiequelle von erheblicher strategischer Bedeutung.

Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Proxima entwickelt keine Software, die in wenigen Monaten skaliert werden kann, sondern eine Technologie, deren Erfolg sich letztlich erst im Betrieb großer Demonstrationsanlagen beweisen muss. Genau darin liegt die Besonderheit des Unternehmens: Es versucht nicht weniger, als die Erkenntnisse der europäischen Fusionsforschung in ein funktionierendes Kraftwerk zu überführen – und damit aus einer wissenschaftlichen Vision eine industrielle Realität zu machen.

Proxima Fusion bewegt sich damit in einem Markt, der heute kaum existiert aber gleichzeitig als einer der potenziell größten Zukunftsmärkte überhaupt gilt. Sollte die kontrollierte Kernfusion wirtschaftlich nutzbar werden, würde sie nicht nur die Energiebranche verändern, sondern ganze Wertschöpfungsketten neu ordnen – von der Schwerindustrie über Rechenzentren bis hin zur Wasserstoffwirtschaft.